Kafkas „Der Prozess“ - eine Vision jenseits der Zeit?
Der Roman beginnt bekanntlich damit, dass Josef K. aufwacht und nach dem Frühstück läutet. Statt der Köchin Anna tritt ein Fremder in sein Zimmer, den er noch nie gesehen hat. Josef K. blickt nicht in das Gesicht des Mannes, sondern auf seine Kleidung:
„Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das, ähnlich den Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infogedessen, ohne dass man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien."
Diese Beschreibung habe ich in Midjourney eingegeben - das Ergebnis ist auf dem Bild zu sehen:

Der Prozess erschien posthum 1925, ein Jahr nach Kafkas Tod. Und doch wirkt die Kleidung des Wächters, der Josef K. verhaftet, seltsam zeitgenössisch - als gehöre sie ins Jahr 2025. Kann Josef K. deshalb seinen Blick nicht abwenden? Übersteigt die Fremdheit dieser Kleidung das menschliche Vorstellungsvermögen der Zeit?
Der Blick auf etwas noch nie Gesehenes
Die Fixierung auf etwas noch nie Gesehenes wird Josef K. zum Verhängnis. Seiner Vermieterin, Frau Grubach, gesteht er später: „Ich wurde überrumpelt, das war es. Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich durch das Ausbleiben der Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne Rücksicht auf irgend jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen gegangen, hätte ich diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche gefrühstückt, hätte mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen lassen, kurz, hätte ich vernünftig gehandelt, so wäre nichts weiter geschehen, es wäre alles, was werden wollte, erstickt worden."
Parallelen zu unserer Welt?
Welche Dinge erscheinen uns heute als logisch, praktisch – ja sogar notwendig – entziehen sich aber bei genauerem Hinsehen unserem Verständnis und unserer Kontrolle?
Kafkas Vision wirkt geradezu unheimlich vorausschauend. Das Gefühl, mit einem undurchschaubaren System konfrontiert zu sein, das sich im praktischen Alltag manifestiert, aber dennoch ungreifbar bleibt, und die Illusion, die Kontrolle zu behalten oder zurückzugewinnen, indem man lieber nicht zu genau hinsieht – all das hallt auch hundert Jahre später nach.
Begleite uns auf Traumleser, wo wir Kafkas zeitlose Welt erkunden und durch literarische Träume Deutsch lernen.
Hier starten: Der Prozess (Erstes Kapitel)